Was geschieht im Kopf eines Übersetzers?

Auch wenn Übersetzer (vermutlich) ganz normale Menschen sind, so ist es doch einmal spannend, zu wissen, wie eine Übersetzung der Reihe nach zu Stande kommt und was dabei im Kopf des Übersetzers abläuft. Denn vor, während und sogar auch nach der Übersetzung kann es darin manchmal ganz schön hoch hergehen.

Zunächst einmal liest sich ein Übersetzer den zu übersetzenden Text aufmerksam durch. Dabei überprüft er den Text auf mögliche Schwierigkeiten: Wortwitze, Ironie, rhetorische Stilfiguren, die erhalten bleiben sollten, …Auf diese Stellen muss er nämlich hintendrein ein größeres Augenmerk legen, als auf eher simple Sätze. Doch das vorherige Lesen des Textes hat noch einen weiteren Zweck: Der Inhalt wird erfasst und der vorherrschende Ton des Textes aufgenommen. Die erzeugte Stimmung soll schließlich möglichst authentisch in die Zielsprache übertragen werden. Und schlussendlich liest sich der Übersetzer in seine Ausgangssprache ein. Das ist wichtig, da er bei der Übersetzung beide Sprachen parallel im Kopf haben muss.

Als nächstes geht es an die Übersetzung. Die meisten Übersetzer fangen damit chronologisch am Anfang an und arbeiten sich voran. Es gibt jedoch auch Übersetzer, die in der Mitte oder am Ende eines Textes anfangen; jeder hat sein eigenes System. Gemeinsam ist jedoch allen, dass beide Sprachen nebeneinander im Kopf des Übersetzers laufen. Ein Wort wird gelesen und verschiedene mögliche Übersetzungen werden sofort damit verknüpft. Für einen Satz gibt es also etliche Übersetzungsvarianten, von denen nur eine, die beste, später die fertige Übersetzung zieren wird. Doch gilt es erst, die beste herauszufiltern…

So arbeitet man sich Satz für Satz voran. Bei der Übersetzung eines Satzes ist vor allem die Wortstellung oft ein Problem. Da verschiedene Sprachen auch verschiedene Regeln zu der grammatikalisch korrekten Wortstellung haben, kann nicht einfach nur Wort für Wort übersetzt werden, sondern ein ganzer Satz muss in seiner Bedeutung erfasst werden. Zusammengehörige Wortgruppen und Satzglieder werden gemeinsam übersetzt und dann erst in der Zielsprache in eine sinnvolle und richtige Reihenfolge gebracht. Dies ist vor allem bei Aufzählungen und langen Schachtelsätzen oft gar nicht so einfach, da man sich schnell darin verliert. Besonders bei letzteren empfiehlt es sich im Extremfall, den Satz in zwei Sätze zu zerlegen und sich dadurch einen besseren Überblick zu verschaffen. Auch die bessere Verständlichkeit in der Zielsprache wird damit erhöht.

Hat sich ein Übersetzer festgebissen, weil er mit bekannten Wörtern nicht zufrieden ist, vielleicht, weil sie den Ton und die Stimmung des Ausgangstextes nicht treffen, wird er sich auf die Suche nach Synonymen machen, also Wörter mit der gleichen Bedeutung. Teilweise kann es auch vorkommen, dass er sich ein wenig von der wörtlichen Bedeutung des Originals entfernt, aber dadurch einen treffenderen Ton in der Übersetzung trifft. Schließlich muss nicht immer alles wortwörtlich übersetzt werden, sondern eher die Bedeutung hinter den Worten soll erhalten bleiben.

Nachdem ein Übersetzer einen Text vollständig übersetzt hat, ist er allerdings noch nicht fertig. Erst muss die Übersetzung noch überprüft werden. Ist alles, wie geplant? Haben sich Rechtschreib- oder Grammatikfehler eingeschlichen? Und sind alle Zeitformen korrekt? Diese Überprüfung erledigt der Übersetzer entweder alleine oder wird dabei von einem Kollegen unterstützt. Dies ist vor allem bei längeren und anspruchsvollen Übersetzung sinnvoll, da es dabei leichter vorkommen kann, dass einem Übersetzer etwas entgeht und er „betriebsblind“ wird, sprich nicht mehr in der Lage ist, eigene Fehler zu bemerken.

Fällt die sprachliche Kontrolle zur allgemeinen Zufriedenheit aus, wird ebenso noch einmal die Qualität der Übersetzung an sich geprüft, ob sie den Ton des Ausgangstextes möglichst treffend wiedergibt, ob Wortwitze und Ironie auch in der Zielsprache erhalten geblieben und verständlich sind und ob der Stil auf demselben Niveau geblieben ist.

Eine Übersetzung ist also ein hochkomplexes Gebilde, das viel Arbeit verlangt. Doch ist diese Arbeit einmal bewältigt, ist ein Übersetzer nicht selten stolz darauf, wenn es ihm gut gelungen ist, allen Schwierigkeiten zum Trotze, einen Text von einer Sprache in die andere zu übertragen. Denn ein Übersetzer liebt jede seiner Sprachen auf ihre eigene Art und Weise.

Vielleicht sind Übersetzer doch keine normalen Menschen…

Aber ungewöhnliche Aufgaben verlangen eben ungewöhnliche Menschen!

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